Wird Libra den E-Commerce revolutionieren?

Wird Libra den E-Commerce revolutionieren?

von Tobias Giese

Wenn Sie dieser Tage die technischen News lesen, gibt es ein Thema, das Sie nicht übersehen können: Libra, die kommende Krypto-Münze von Facebook. Zusammen mit der digitalen Geldbörse Calibra könnte sie den Markt für In-App-Käufe auf den Kopf stellen, genau wie es WeChat in China getan hat.

Allein das Potential des Facebook-eigenen Messengers ist riesig. Laut statista ist es "die führende Social-Networking-App in den USA, mit über 2,3 Millionen Downloads im Apple App Store". Sie erklären auch, dass "Facebook in einem Ranking der Apps, die unmittelbar vor einem Online-Kauf benutzt wurden, an dritter Stelle stand.“ Man darf davon ausgehen, dass ein Teil von Käufen direkt durch Werbung oder den Plausch mit Freunden getriggert werden. „Bei Online-Shopping-Sitzungen ist sie bei 7,8 Prozent der Nutzer parallel im Einsatz“. Damit liegt sie aktuell bereits höher als Amazon oder Google Search.

Aber was genau ist Libra?

Wird Libra den E-Commerce revolutionieren?

Ja und nein. Eine Sache, von der Sie sicher ausgehen können, ist, dass Zahlungen von Kleinstbeträgen – sogenannte Micro Payments - immer normaler werden. Warum? Sie tun nicht weh, sind schnell und reibungslos durchführbar - und innerhalb der Mitglieder der Libra Association kostenlos. Wenn Facebooks Plan Erfolg hat, hätten wir erstmals eine stabile Kryptowährung – und damit eine Grundlage für Unternehmen, sichere Geschäfte zu tätigen, die keiner starken Wechselkursschwankung unterliegen. Eine Libra-Münze soll überall und über einen langen Zeitraum hinweg den gleichen Wert haben.

Die Geschäftsmöglichkeiten sind endlos. Aus Verbrauchersicht: Kaufen Sie ein Lied auf Spotify. Bezahlen Sie die Auktion, die Sie bei ebay gewonnen haben. Gib deinem Uber ein Trinkgeld. Hol dir einen Kaffee. Aber es steckt noch mehr Potenzial darin für kleine Unternehmen, wenn es um Pay-per-Use-Fälle geht: Alles Messbare kann in kleinen Häppchen monetarisiert werden: Gutscheine zum Mittagessen, ein E-Book ausleihen, sogar Likes und Shares auf Ihrer Facebook-Seite könnten exakt abgerechnet werden. Im Gegensatz zu Bitcoin wird Libra in der Lage sein, Transaktionen schnell und hochperformant abzuwickeln. Das wird Mikrozahlungen ankurbeln.

Aber eine echte Revolution ist vom E-Commerce-Sektor nicht zu erwarten, denn Online-Zahlung allgemein ist bereits eine Grundfunktionalität, zumindest in Europa, den USA und China.

Die eigentliche Revolution findet in Afrika statt, wo die Libra ein stabiler und billiger Zugang zu Finanzdienstleistungen sein soll. Im Libra-Whitepaper heißt es: „1,7 Milliarden Erwachsene weltweit bleiben außerhalb des Finanzsystems ohne Zugang zu einer traditionellen Bank, obwohl eine Milliarde Menschen ein Mobiltelefon hat und fast eine halbe Milliarde einen Internetzugang."

Regiert Facebook bald die Welt?

Das Projekt ist nicht ohne Nebenwirkung zu haben. Der Lock-in-Effekt von Facebook wird sich verstärken - ein globales soziales Netzwerk mit eigener Währung, mit 2 Milliarden Nutzern kann Regeln diktieren. Darauf baut Facebook als Unternehmen seinen Wert: eine globale Plattform zu schaffen, in der Informationen zentral gesammelt werden. Berücksichtigt man, dass es (Anreize und) Nutzer geben wird, die - trotz aller Kritik - Calibra als "völlig separate digitale Brieftasche" und Facebook verbinden werden, sind ganz andere Geschäftsmodelle auf der Facebook-Plattform möglich. Facebook hat bereits seinen Messenger für Unternehmen und Werbung geöffnet. Wenn diese nun auch Produkte direkt verkaufen können und Kunden mit Libra bezahlen, sind die Tage personalisierter Anzeigen als Haupt-Umsatzquelle gezählt.

Auch wenn Facebook mit der Installation von Calibra keinen Zugriff auf die Details aller Zahlungsvorgänge haben wird, besitzt das Unternehmen die Daten aller E-Commerce-Transaktionen, die über Facebook, seinen Messenger, WhatsApp und Instagram abgewickelt wurden. Es ist erwartbar, dass die Währung mittelfristig auch für diese Dienste verfügbar gemacht werden wird. Gerade für Instagram sind hier erhebliche Potentiale vorstellbar. Und so kommt das Vorhaben in einer Zeit des intensiven öffentlichen und politischen Diskurses über die mögliche Zerschlagung von Amazon, Google und Facebook geradezu  anachronistisch daher. Es bleibt abzuwarten, wie sich Marktmacht, Nutzerverhalten und Regulierung austarieren lassen.

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